29. Febr. 2024

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Maria Sibylla Merian, ein Glücksfall für die Wissenschaft

 Karola Dahmen

Wer heutzutage etwas über Raupen, Schmetterlinge oder Motten in Erfahrung bringen möchte, geht ins Internet, gibt den Namen des Insekts oder sein Foto ein und wird innerhalb weniger Sekunden von einer Flut an Treffern und Links überschwemmt. Fast alles ist dort dokumentiert, klassifiziert, fotografiert oder auf Film gebannt. Ja, der Metamorphose eines noch so entlegen beheimateten Falters in Zeitraffer jederzeit vom Ei über die Raupe und Puppe hin zur Imago beiwohnen zu können, steht heute dank diverser Social-Media-Kanäle nichts mehr im Wege.

Alles auf Anfang

Nicht so im 17. Jahrhundert! Wer damals seine naturwissenschaftliche Neugierde befriedigen sowie Zusammenhänge erkennen und verstehen wollte, musste höchst eigene Wege gehen und durfte Pionierarbeit leisten. Eine Entomologie (Insektenkunde) gab es nicht. Weder in der Antike noch im Mittelalter hatte daran ein nennenswertes Interesse bestanden. Erst mit dem Humanismus war von Italien ausgehend eine geistige Wende eingeläutet worden, die es ermöglichte, den Blick auf die äußere Welt und damit letztlich auch auf Insekten zu lenken. Zunächst ganz allgemein, dann en détail, wie bei Merian geschehen. Genau damit war sie die erste Forscherin, die sich von Anfang an in ihren Studien auf eine einzige Spezies konzentrierte und mit den daraus resultierenden Ergebnissen Wissenschaftsgeschichte schrieb.

Ein Glücksfall für die Wissenschaft

1647, ein Jahr vor Beendigung des Dreißigjährigen Krieges in eine angesehene Künstler- und Verlegerfamilie in Frankfurt am Main hineingeboren, waren ihre Möglichkeiten sich künstlerisch zu betätigen von Anfang an beschränkt. Stillleben- und Tiermalerei, das waren die beiden Genres, die man ihr als Frau zugestand, alle anderen nicht! Sie erlernte den Umgang mit Öl- und Wasserfarbe, übte sich im Kupferstich, schärfte ihre Beobachtungsgabe und entwickelte ein Gefühl für Proportionen und Bildaufteilung, was sich als Glücksfall für die Entomologie erweisen sollte. Denn mit ihrer Konzentration auf das Wesentliche (Tier, Futterpflanze, lateinischer/alltäglicher Name) legte sie nicht nur eine entsymbolisierte Darstellung von Raupen und Schmetterlingen vor, sie schaffte damit etwas Entscheidendes: Durch die Darstellung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (Ei, Raupe, Puppe, Imago desselben Tiers) in einem einzigen Bild gelang es ihr Zusammenhänge zu verdeutlichen, die bis dato unbekannt gewesen waren wie beispielsweise die Abhängigkeit von Wirtspflanze und Insekt oder gar den Vorgang der Metamorphose selbst.

Eine Passion fürs Leben

Dass es ausgerechnet Raupen und Schmetterlinge sein würden, hatte sie ihrem Bruder zu verdanken, der im prosperierenden Seidenraupenhandel tätig war. Was folgte, ist legendär: Sie bekam eine Raupe geschenkt. Erlebte aus nächster Nähe, Verpuppung und abschließende Verwandlung in ein „Sommervögelein“. Der Grundstein für eine lebenslange Faszination war gelegt! Sie beobachtete und zeichnete sie. War wochenlang hinter einer bestimmten Raupenart her. Nutzte die neuesten technischen Erfindungen wie das Mikroskop, lernte Latein, knüpfte Kontakte. Unternahm im Alter von 52 Jahren eine 3-monatige Schiffsreise, um im Dschungel Surinams auf Jagd nach neuen Arten gehen zu können und tauschte sich bis zu ihrem Tod am 13. Januar 1717 in Amsterdam mit Gleichgesinnten aus.

Ein einzigartiges Vermächtnis

Herausgekommen sind dabei mehrere Bücher, in denen Raupen und Schmetterlinge eine zentrale Hauptrolle spielen und die bis heute durch ihre Schönheit bestechen. Genaue Beschreibungen und Zeichnungen von einheimischen und exotischen Schmetterlingsarten und Pflanzen, die vor dem Hintergrund eines immer schneller voranschreitenden Artensterbens ein einzigartiges Erbe darstellen. Es lohnt sich, einen Blick in sie hineinzuwerfen. Bereuen wird man es nicht!

 

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zuletzt bearbeitet am 5.III.2024