26. März 2026

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Vom Nestling zum Ästling – eine Geschichte des Flüggewerdens

Karola Dahmen

Es ist Frühlingsanfang, doch bis wir aus vollem Halse singen können „Alle Vögel sind schon da ...“, dauert es noch ein kleines Weilchen. Gleichwohl hat bei unseren einheimischen Standvögeln (bspw. Amseln, Rotkehlchen, Meisen etc.) schon jetzt die Balzzeit begonnen. Wer zuerst vor Ort ist, braucht weniger Zeit und Energie darauf zu verwenden, einen geeigneten Nistplatz in unseren Gärten, Parkanlagen oder Alleen zu finden, lautet die Devise. Wenn dann ca. vier Wochen später die kleinen Piepmätze auf die Welt kommen, tauchen allerdings die ersten Teils gravierenden Probleme im Zusammenleben Mensch – Küken auf. Denn nicht jedes Küken, dem wir jetzt mutterseelenallein begegnen, ist tatsächlich ein Waisenkind und bedarf dringend menschlicher Hilfe!

Nesthocker oder Nestflüchter

Wie bei uns Menschen, so gibt es auch unter den Vögeln solche und solche. Da hätten wir zunächst den Nesthocker, der partout nicht das Nest verlassen und rund um die Uhr von seinen Eltern versorgt werden will, bis diese eines schönen Tages sagen: „Raus mit dir, das Hotel ist geschlossen!“ Dann die, die schon recht früh einen Schritt nach draußen wagen, aber herzzerreißend nach Mama und Papa schreien, wenn es um die Nahrungsversorgung geht. Und zu guter Letzt noch die sogenannten Nestflüchter (bspw. Enten-/Gänseküken), die dank eines vollkommen intakten Daunenkleids wenige Stunden nach dem Schlüpfen Mama auf Schritt und Tritt hinterherwatscheln.

Vom Nestling zum Ästling

Lassen wir Erstere und Letztere außen vor und konzentrieren uns stattdessen lieber auf die sogenannten Ästlinge, die recht früh einen Schritt nach draußen wagen. Vermeintlich mutterseelenallein auf einem Ast sitzend oder gar flatternd tauchen gerade hier die meisten Missverständnisse auf, die dazu führen, dass so manches Küken mit nach Hause genommen wird. Um zu verstehen, was ein Ästling ist, kehren wir eine Stufe zurück, nämlich zum Nestling. Der Nestling schlüpft nackt und mit geschlossenen Augen aus dem Ei. Auf den eigenen Füßen zu stehen, ist ihm unmöglich. Er bedarf vollständig der Hilfe seiner Eltern. Sind die Augen geöffnet, haben sich die ersten Deckfedern am Schwanz und auf den kleinen Flügeln gebildet und sind die Beine stark genug, den kleinen Körper zu halten, zieht es einige von ihnen aus dem Nest heraus, wo sie hüpfend, kletternd und flatternd versuchen, die Welt für sich zu erobern. Nur mit der Nahrungsbeschaffung klappt es noch nicht. Sie müssen weiterhin von ihren Eltern gefüttert werden. Der Nestling ist zum Ästling, zum Teenie unter den Küken geworden und bedarf keiner menschlichen Hilfe! Er hat seine Eltern, die sich – oft von uns unbemerkt in ihrer Nähe aufhaltend – um ihren Nachwuchs kümmern. Sollten Sie allerdings ein heruntergefallenes Nest mit Jungvögeln finden oder ein Küken, das noch nicht allein auf seinen Füßen stehen kann, dann, ja dann wenden Sie sich bitte an eine Auffangstation. In diesem Fall wird er es Ihnen danken.

 

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zuletzt bearbeitet am 13.IV.2026