1. Okt: 2026
NATURBEOBACHTER AUS DER REGION
Süchtig nach Farn. Eine kleine Geschichte der Pteridomanie
Karola Dahmen
Sie wachsen seit Jahrtausenden in unseren Gefilden en masse: Im Wald oder am Wegesrand von Parkanlagen oder im eigenen Garten an schattigen Plätzen sind die mit Sporen behafteten Wedel des Farns kaum zu übersehen. Von den ca. 12000 unterschiedlichen Arten weltweit der echte Farn (Polypodiopsida, Syn.: Pteridopsida) umfasst 11000 Arten , sind an die 170 Arten in Europa sowie 120 in England und Irland beheimatet. Nichts also, was einen auf den ersten Blick vermuten lassen würde, dass gerade diese Pflanze es geschafft haben soll, einen regelrechten Hype auszulösen, der dazu führte, dass sie in einigen Landstrichen Großbritanniens fast gänzlich ausgerottet wurde. Und doch ist genau dies der Fall gewesen.
Wie so oft in der Geschichte mussten auch hier einige Dinge aus den unterschiedlichsten Bereichen zum richtigen Zeitpunkt aufeinandertreffen, damit ein solcher Hype entstehen konnte. Und wie in unserer von Influencern übersättigten Social-Media-Zeit, so gab es auch im viktorianischen Zeitalter einige Personen, die maßgeblich dazu beitrugen, dass er in den Mittelpunkt des Interesses gelangen konnte. Wohl eine der maßgebenden Personen war Nathaniel Bagshaw Ward, Erfinder des Wardschen Kastens (um 1830) und seines Zeichens selbst begeisterter Farnsammler. Mit seinem Kasten revolutionierte er nicht nur das damalige Transportwesen von bis dato nicht exportierbaren exotischen Pflanzen, nein, er veränderte damit auch mit einem Schlag die Salons und Stuben unzähliger Engländer. Denn was dank der hohen Luftverschmutzung im Garten nicht gedeihen wollte, wuchs mit einem Mal in seinem Kasten und das auch noch in geschlossenen Räumen. Er wurde zum Verkaufsschlager und der Farn zum unangefochtenen Statussymbol, der im Kasten zur Schau gestellt werden konnte. Berichte in diversen Botanischen Zeitschriften der Zeit sowie unzählige Bücher über ihn trugen das ihrige dazu bei. Insbesondere der 1854 von Edward Newman veröffentlichte Band History of British Ferns heizte die Gier der Städter ins Unermessliche an. Sogenannte fern gangs, Farnbanden, bildeten sich und sammelten an Farn ein, was sie nur konnten. Insbesondere der Killarney-Farn (Trichomanes speciosum), der Königsfarn (Osmunda regalis) und der Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium) wurden so fast ausgerottet und stehen heute unter Naturschutz.
Farn war in! Er zierte alsbald Stoffe, Tapeten etc. Insbesondere die Frauen hatten ihr Herz an ihn verloren, denn er gewährte ihnen eine Freiheit, die ihnen im viktorianischen Zeitalter ansonsten verwehrt bliebt: Ohne Anstandsdame durften sie sich frei in der Natur bewegen und auf Farnsuche gehen, um ihn anschließend in gepresster Form in eigens für ihn angelegte Herbarien einzubinden. Als Pteridomanie (Farnwahnsinn) bezeichnete der Schriftsteller und Geistliche Charles Kingsley dieses Verhalten. Doch wie jeder Hype, so ebbte auch dieser in den 1880er-Jahren ab und wurde durch etwas Neues ersetzt.
zuletzt bearbeitet am 1.XI.2026