15. Okt: 2026

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Der Bartgeier – knochenbrechender Nahrungsspezialist

Karl Josef Strank

So mancher erinnert sich an die freundlichen Geier aus dem Dschungelbuch und deren Motto: „Keine Feier ohne Geier“. Sie sind immer dabei und erledigen am Ende die „Drecksarbeit“, denn sie sind Aasfresser und beseitigen die Überreste, wenn Löwen, Hyänen und die anderen Raubtiere ihren Anteil an der Beute gefressen haben. Sind sie fertig, bleiben nur noch die bleichen Knochen übrig. Weil sie ihre Köpfe tief in die Kadaver hineinstecken, haben Geier normalerweise einen langen, kahlen unbefiederten Hals. Nicht so der Geier, um den es hier geht, der Bartgeier. Kopf und der kurze Hals sind voll befiedert und die dunklen, borstenartigen Federn an der Basis des Schnabels wirken wie ein Bart. Ausgewachsene Tiere haben eine Spannweite von 2,30-2,80 m bei einer Körperlänge bis 1,25 m. Das Gefieder ist sehr kontrastreich. Die Oberseite ist grauschwarz. Die Unterseite, Hals und Kopf sind weiß bis rostrot. Die Iris ist gelb und die Augen sind von einem roten Skleralring umgeben, dessen Intensität die Stimmung des Vogels erkennen lässt.

Da der Bartgeier aufgrund seiner Ausstattung nicht Eingeweide und Muskelfleisch frisst, muss er sich anders ernähren. In der Tat begnügt er sich mit den Resten, den Knochen. Früher war man der irrigen Meinung, er schlage Lämmer, woher ihm der Name „Lämmergeier“ geblieben ist. Mit einer speziellen Technik bricht und zerkleinert er Knochen, weshalb er im Spanischen „Quebrantahuesos“ (Der die Knochen bricht) heißt. Nur von Knochen zu leben, ist aus unserer Sicht eine schmale Kost. Aber mit dieser Spezialisierung hat er eine Nahrungsnische besetzt, die ihm kein anders Tier streitig macht. Er muss sich auch nicht mit Anderen um die letzten Fleischreste eines Kadavers balgen, was viel Energie kostet. Er wartet geduldig, bis Alle sich am Aas abgearbeitet und gütlich getan haben. Knochen sind außerdem eine erstaunlich nährstoffreiche Nahrungsquelle, sie enthalten im Durchschnitt 23 % Mineralstoffe, 16 % Fett, 12 % Protein und 49 % Wasser. Das stillt den Durst nicht ganz, so dass sie im Lebensraum auf Wasserquellen angewiesen sind. Auch nehmen sie Schnee auf.

Präparat eines Bartgeiers aus einem Diorama im Haus der Natur in Salzburg

Zum Zerkleinern der Knochen nutzen die Bartgeier sogenannte Knochenschmieden, Felsplatten von einigen zehn Quadratmetern. Hierzu ergreifen sie Knochen, schwingen sich bis 100 m in die Luft und lassen diese fallen. Das klappt nicht immer auf Anhieb, aber sie sind hartnäckig und ausdauernd. Brechen die Knochen, werden sie geschluckt und im Magen von der starken Magensäure aufgelöst und verdaut.

Man dichtete dem Bartgeier an, dass er mitunter Kleinkinder angreift und wegträgt, was zu einer gnadenlosen Jagd bis zu seiner vollständigen Ausrottung im Alpenraum geführt hat. Heute gibt es mehrere Projekte, die versuchen, ihn wieder anzusiedeln. Eines davon findet im Nationalpark Berchtesgaden statt. Unter fachlicher Begleitung wurden mehrere Bartgeier in einem abgelegenen und touristisch nicht überlaufenen Tal ausgewildert. Mit Glück kann man dort die imposanten Vögel auf ihren ausgedehnten Streifflügen schon wieder beobachten.

 

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zuletzt bearbeitet am 1.XI.2026