30. Nov. 2023

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Missbildungen als Zierformen

 Joachim Schmitz

Bei Hunden kennt man den Begriff der Qualzucht. Das sind Rassen, denen durch willkürlich gesetzte Zuchtziele gesundheitliche Probleme entstehen. Beispiele sind die kurzatmigen Möpse, denen die Hundeschnauze weggezüchtet wurde, oder Bernhardiner, deren schwere Augenlider oft Bindehautentzündung provozieren. Pflanzen können sich nicht äußern und haben wahrscheinlich auch kein Schmerzempfinden, aber trotzdem gibt es so etwas bei Zierpflanzen auch.

Panaschierung

So nennt man das, wenn die Blätter nicht auf der ganzen Fläche grün sind sondern Flecken oder Streifen weiß bleiben. Das bedeutet: hier kann keine Fotosynthese ablaufen und die Pflanze kann deshalb nur einen Teil des Sonnenlichts nutzen, das auf sie fällt. In der Natur kann das auch durch Virusbefall ausgelöst werden. Panaschierte Zierformen sind durch spontane Mutation entstanden und deshalb erbfeste Sorten. Das passiert natürlich auch in der Natur. Wegen der schlechteren Fotosyntheseleistung sind die Mutanten aber gegenüber den gesunden Artgenossen nicht konkurrenzfähig. In gärtnerischer Kultur hält ihnen der Mensch durch Jäten oder Einzelkultur im Topf die Konkurrenz vom Halse. Leichte Panaschierung können Pflanzen vielleicht noch kompensieren. So verwildert die nur als Kulturpflanze bekannte Silber-Goldnessel (Galeobdolon argentatum) in siedlungsnahen Gebüschen. Von der häufig als Zimmerpflanze gehaltenen Birken-Feige (Ficus benjamina) gibt es die Sorte „variegata“, deren Blätter manchmal so große weiße Flächen haben, dass man sich fragen muss, wie die Pflanze eigentlich überlebt.

Verbänderung (Fasziation)

Hierbei trennen sich Spitzen- und Seitenknospen nicht richtig, so dass sie als zusammenhängender Scheitel auswachsen und abgeflachte Stängel bzw. Äste produzieren. Seitenachsen oder Blüten können dann auch auf der scheinbaren Fläche entstehen. Das ist eine von mehreren Entwicklungsstörungen, die sehr verschiedene Ursachen haben können, die auch noch nicht wirklich erforscht sind. Bei den im Gartenhandel angebotenen Formen handelt es sich vermutlich wieder um erbfeste Mutationen. Bei Holzgewächsen ist hier die sogenannte Drachenweide (Salix udensis [= sachalensis] „sekka“) zu nennen. Bei Einjährigen nennt man das auch Kammform wie bei den zu den Fuchsschwanzgewächsen gehörenden Celosien (Celosia argentea „cristata“).


Bei diesen chlorophyllfreien Kakteen muss die Unterlage nicht nur sich sondern auch noch ihren Pfropfling ernähren.

Zwangsdrehung

Bei dieser Entwicklungsstörung wachsen die Triebe nicht gerade sondern krümmen sich mehr oder weniger spiralig nach oben. Das ist öfters mit Verbänderung verbunden. Deshalb werten manche Autoren das auch nur als Unterfall der Verbänderung. Hierher gehören die Korkenzieherhasel (Corylus avellana „contorta'“ und die Korkenzieherweide (Salix matsudana „tortuosa“).

Verlust des Blattgrüns

In der Natur sind Mutanten, die kein Blattgrün produzieren können, nicht lebensfähig. Bei manchen Kakteen hat der Mensch da nachgeholfen, indem er sie auf andere, gesunde Kakteen aufgepfropft hat. Die chlorophyllfreien Pflanzen schmarotzen praktisch auf ihrer Unterlage. Sinn der Übung ist, dass wie beim Herbstlaub die sonst von Chlorophyll überdeckten Farben sichtbar werden und man gelbe, orange oder rote Formen bekommt. Dazu werden u.a. Arten der Gattungen Astrophytum und Gymnocalycium benutzt. Als Unterlage dient meist die Gliederkaktee Hylocereus trigonus.

Zum Schluss sei mir eine persönliche Bemerkung gestattet: Ich verstehe nicht, wie man krankhafte Veränderungen schön finden kann. Ich stelle mir da gerne Aliens vor, die Menschen als „Haustiere“ halten und absichtlich mit Pocken infizieren, weil sie die roten Pusteln so dekorativ finden...

 

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zuletzt bearbeitet am 10.XII.2023