20. Febr. 2025

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Die giftige und heilsame Meerzwiebel

 Karl Josef Strank

Meerzwiebeln sind keine Küchenzwiebeln. Die mehrjährigen Gewächse kommen im Mittelmeergebiet vor und man findet sie dort natürlicherweise, wie der Name schon sagt, in Strandnähe. Die Meerzwiebel ist frosthart bis frostempfindlich und wächst auch in unseren Breiten in lehmhaltiger, mäßig gedüngter Erde, die mit scharfem Sand angereichert ist. Sie benötigt volle Sonne und viel Licht. Bei nicht ausreichender Frosthärte werden Pflanzen im Winter während der Ruhezeit bei mäßiger Feuchte im kühlen Gewächshaus gehalten. Sie entwickelt mit den basalen Teilen ihrer Blätter eine oval-eiförmige bis kindskopfgroße, knollenartige Zwiebel. Dank der mit Nährstoffen und Wasser gefüllten Zwiebel überstehen die Pflanzen im Mittelmeerraum die sommerliche Trockenzeit, blühen im Herbst und bilden zum Winter hin erneut kräftige Grundblätter, die dann die Zwiebel wieder regenerieren.

Benötigt viel Sonne und Licht: Die Meerzwiebel ist im Mittelmeerraum heimisch.

Bereits im alten Ägypten stand die Meerzwiebel in hohem Ansehen. Beschützende Eigenschaften werden ihr traditionell zugeschrieben. In ganz Griechenland wird die Zwiebel als Amulett über der Haustür aufgehängt und man glaubt, sich damit vor allen bösen Geistern schützen zu können. Für die arzneiliche Verwendung werden die Zwiebeln im Spätsommer kurz nach der Blüte geerntet, wenn die Inhaltsstoffe optimal angereichert sind. Als heilkräftige Pflanze fand die Meerzwiebel selbstverständlich Aufnahme in die Pflanzenliste des Capitulare de villis Karls des Großen.

Schon Hippokrates verwendete die Meerzwiebel als Mittel gegen Gelbsucht, Krämpfe und Asthma. Dioskorides empfahl sie bei gleichen Indikationen und zudem, um den Harn zu treiben sowie Erbrechen auszulösen. Die Zwiebel als der wirksame Teil der Pflanze sollte "gebraten" zur Anwendung kommen. Die Meerzwiebel hat einen äußerst bitteren, ekelhaften Geschmack und in frischem Zustand einen sehr scharfen Saft, der die Haut angreift und Blasen zieht. Daher entfernt man die Rinde und schneidet sie für eine weitere Art der Zubereitung "zu stücken / lest dieselbige sieden / unnd geust offt frisch Wasser darüber bis sie allen bitteren unnd scharpffen Geschmack verliehrt." Oder sie werden "zu kleinen scheiblin zerschnitten / durch einen Faden gezogen / also das eins das ander nit berührt / unnd im schatten gedört." Diese "scheiblin" werden dann mit Öl, Wein oder Essig aufgesetzt.

Von der Meerzwiebel gibt es zwei geographische Rassen, die eine mit weißen und die andere mit roten Zwiebeln. Die weiße wurde häufiger für Arzneien verwendet, aber die Ärzte der berühmten, mittelalterlichen Medizinschule von Salerno zogen die rote Rasse vor. Löst die Pflanze, in hohen Dosen verabreicht, Brechreiz aus, so wirkt sie, niedrig dosiert, schleimlösend und auswurffördernd. Meerzwiebel-Zubereitungen stärken das Herz und treiben "die zehe Flüssigkeit" aus dem Körper, d.h. sie entwässern die Gewebe des Körpers, was dann wiederum in positiver Rückkopplung das Herz entlastet. Noch heute werden standardisierte Präparate hergestellt und bei leichten Formen der Herzinsuffizienz und bei verminderter Leistung der Nieren angewendet. Kontraindiziert sind eine gleichzeitige Therapie mit Digitalisglykosiden sowie Kalium-Mangelzustände. Bis zur Verwendung von Digitalis im 18. Jh. war die Meerzwiebel wegen ihrer Wirkung auf das Herz das bekannteste Heilmittel bei Wassersucht.

Im Kräuterbuch des Tabernaemontanus wird die Meerzwiebel auch Mauszwiebel genannt und auf ihre Mäuse und Ratten tötende Wirkung verwiesen. Eine für die damalige Zeit sicherlich sehr nützliche Eigenschaft, um die wertvollen Nahrungsvorräte vor unliebsamen, nagenden Mitessern zu schützen. Wurden derart vergiftete Mäuse oder Ratten von Katzen oder anderen Haustieren gefressen, vergifteten sich diese nicht gleichermaßen. Wie die Meerzwiebel eingesetzt wurde, erzählte bei einer Begegnung im Karlsgarten ein alter Mann aus Ostpreußen, der sich daran erinnerte, dass die Zwiebeln gerieben und auf Brote geschmiert wurden, die man dann in Stücke geschnitten als Giftköder auslegte. Anderentags hätte man reihenweise tote Mäuse und Ratten einsammeln können.

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zuletzt bearbeitet am 9.III.2025