27. Febr. 2025
NATURBEOBACHTER AUS DER REGION
Die Narrentasche hat nichts mit dem Karneval zu tun.
Joachim Schmitz
Das Hirtentäschelkraut (Capsella bursa-pastoris) hat tatsächlich seinen Namen von der Form der Früchte, die der Tasche von Viehhirten ähneln, die noch zu Linnés Zeiten üblich waren. Lat. ist bursa pastoris wörtlich der Beutel des Hirten.
Im Gegensatz dazu ist die Narrentasche, eine krankhafte Missbildung von Pflaumen, ohne Vorbild. Eine typische Tasche von Hofnarren, Gauklern, Hanswursten usw. gab es nie und konnte deshalb auch nicht als Namensgeber dienen. Vielmehr beruht der Name darauf, dass die verrückte Missbildung der Früchte eben einfach als närrisch bezeichnet wurde. Im Mittelhochdeutschen war Tasche oder Tesche die Bezeichnung für eine närrische Frau, was immer man damals darunter verstanden haben mag. Deshalb wird die Missbildung heute als Narren- oder Taschenkrankheit bezeichnet. „Narrentasche“ ist also eigentlich doppelt gemoppelt. Es ist also ein Pleonasmus.
Die Krankheit verläuft so: Vom Pilz Taphrina pruni befallene Früchte wachsen schneller zu schotenförmigen Gebilden bis zu 6cm Länge heran. Das liegt daran, dass der Pilz ein Wachstumshormon produziert. Anfangs ist die Oberfläche glatt und hellgrün. Später schrumpelt die Haut und sieht durch die gelblichgrauen Pilzsporen wie bepudert aus. Das Fruchtfleisch bleibt grün, hart und saftlos. Statt des Steins ist innen ein langgestreckter Hohlraum. Manchmal kann man lesen, dass diese „Tasche“ der Krankheit den Namen gegeben habe. Das ist aber eine Fehlinterpretation (s.o.). Nach der Sporenverbreitung schrumpfen die Früchte schnell, faulen und fallen schließlich ab.
Die Sporen keimen auf der Borke der Triebe, von der sich der Pilz fortan ernährt und so überdauert. Meist kommt es zu keinen sichtbaren Symptomen. Der Befall ist nicht erkennbar. Dieses Stadium hat nur 1 Chromosomensatz. Im Frühjahr kommt es, wie bei Pilzen üblich, zur Verschmelzung zweier Fäden; die beiden Kerne bleiben aber getrennt. Dieses 2-Kern-Pilzgeflecht wächst jetzt im lebenden Gewebe der Wirtspflanze in die Triebspitzen und schließlich in die Fruchtknoten der Blüten. Erst hier kommt es zur Vereinigung der Kerne und direkt danach zur Bildung der Sporen. Immer 8 Sporen entstehen in einem sogenannten Schlauch (Ascus). Deshalb gehört der Pilz zu den Schlauchpilzen (Ascomycota).
Befallene Früchte müssen möglichst frühzeitig entfernt und entsorgt werden. Als vorbeugende Maßnahmen werden regelmäßiger Baumschnitt und ein Baumanstrich mit Kalkbrühe im Spätherbst empfohlen. Es sind längst nicht alle Früchte eines Baumes betroffen. Je nach Witterung zur Blütezeit können auch jahrelang gar keine Symptome auftreten. Der Pilz wächst gut, wenn es zur Blütezeit feucht und kühl ist. In solchen Fällen helfen Spritzungen mit Ackerschachtelhalmbrühe und Rainfarntee.
Schon bei der Pflanzung sollte man beachten, dass Sorten unterschiedlich anfällig sind. Empfindlich sind z.B. ‚Hauszwetsche‘, ‚Ortenauer’ und ‚Bluefree‘. Als robuster gelten ‚Wangenheims Frühzwetsche‘, ‚Bühler Frühzwetsche‘ sowie ‚President‘. Grundsätzlich widerstandsfähiger sind Mirabellen und Renekloden.
Neben der Kultur-Pflaume (Prunus domestica) befällt Taphrina pruni auch Aprikosen (P. armeniaca) und die wildwachsende Schlehe (P. spinosa). T. padi macht Narrentaschen an der heimischen Traubenkirsche (Prunus padus).
Ansonsten bewirken Taphrina-Arten auch Missbildungen an Blättern und Trieben. So verursacht T. deformans die Kräuselkrankheit bei Pfirsichen. Dabei sind die Blätter blasig aufgetrieben und verfärben sich später rot. T. wiesneri (synonym T. cerasi) ist für Hexenbesen an Kirschen verantwortlich. Hexenbesen sind Wachstumsstörungen an Bäumen. Dabei entstehen an einer Stelle zahlreiche Seitenzweige in dichter, wirrer Anordnung. Andere Arten machen Hexenbesen an Spitz-Ahorn, Hainbuchen und Birken.
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zuletzt bearbeitet am 9.III.2025