2. Juli 2026
NATURBEOBACHTER AUS DER REGION
Biotop des Jahres des Jahres: Steppenrasen
Joachim Schmitz
Dieses Jahr hat die Floristisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft den Federgrassteppenrasen (Verband Festucion valesiacae) zur Pflanzengesellschaft des Jahres erklärt. Es handelt sich um einen extremen Magerrasen, der kontinentales Klima bevorzugt. Dementsprechend finden sich die reichsten Vorkommen in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Weitere Fundorte gibt es an mikroklimatisch begünstigten Regionen in Mainfranken, am Oberrhein und an der Nahe. Verarmte Bestände reichen bis zur Untermosel und der Südeifel.
Die heutigen Vorkommen sind Reste einer späteiszeitlichen Steppenvegetation. Aus dem Mittelmeerraum eingewanderte Pflanzen zeigen auch bei uns den typischen Rhythmus mit der Vegetationsruhe im Sommer. Kontinentale Arten ertragen lange, kalte Winter und ziehen ihren Wachstumszyklus im Sommer durch, wie heiß der auch sein mag.
Ein typisches Beispiel ist das Haar-Federgras (Stipa capillata). Es blüht Juli-August. Zu dieser Zeit haben mediterrane Arten längst eingezogen. Kontinentale Klimainseln sind im Rheinland sehr selten. Das Haar-Federgras kommt z.B. am berühmten Rotenfels an der Nahe vor, hier in der Gesellschaft von Pferde-Sesel (Seseli hippomarathrum).
Pferde-Sesel auf dem Rotenfels an der NaheDie Federgrassteppenrasen sind von Natur aus baumfrei. Hier ist es für Bäume viel zu trocken. Seit der Eiszeit haben die Rasen so überdauert. Durch Beweidung, etwa durch Schafe, konnten sie allerdings vorübergehend ihr Areal erweitern.
Was Steppenrasen ökologisch besonders wertvoll macht, ist die große Zahl seltener und gefährdeter Pflanzen. Von den 58 Kennarten gelten 89% als selten bis extrem selten und 81% als gefährdet bis vom Aussterben bedroht. Diese Vielfalt bedingt natürlich auch einen entsprechenden Reichtum der Tierwelt, besonders an Insekten. Heute sind die Biotope von Aufdüngung durch Stickstoffeintrag aus der Luft bedroht. Dies geschieht vor allem, wenn in der Umgebung intensive Landwirtschaft betrieben wird. In Mitteldeutschland wurde schon beobachtet, dass Arten der Trespenrasen eindringen. Das sind Rasen weniger extremer Standorte.
Bekannte Vorkommen am Rhein sind an der unteren Nahe und in Mainz. Der „Mainzer Sand“ ist eine Binnendüne des tertiären Meeres, auf der die Federgrassteppe mitten in der Stadt wächst. Von den Charakterarten schafft es das Grauscheidige Federgras (Stipa pennata) noch am Weitesten nach Norden. Allerdings könnte sich hier der Klimawandel bemerkbar machen. 1991 musste ich für den Zwerg-Schneckenklee (Medicago minima) bis an die Nahe fahren. Voriges Jahr habe ich die Art in Leutesdorf gefunden (20 Rheinkilometer von Koblenz flussabwärts).
Von mehreren Arten sind Gartensorten gezüchtet worden. Mit einem Teppich aus Haar-Federgras und darin Blütentupfern von Kugel-Lauch (Allium spharocephalon), Ährigem Ehrenpreis (Veronica spicata) und Goldaster (Galatella linosyris) kann man selbst in einem Vorgarten eine kleine Steppe zaubern.
zuletzt bearbeitet am 1.VIII.2026