3. Sept: 2026

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Der Götterbaum, attraktives Ziergehölz mit invasivem Charakter

Ruth Gestrich-Schmitz

Früher ging ich im Juni nur ungern zur Schule. Nicht, weil ich wegen der nächsten Klassenarbeit aufgeregt war, sondern weil mich auf dem Fußweg dorthin ein fieser Geruch begleitete. Heute weiß ich, es war der „Duft“ der Blüten des Götterbaums (Ailanthus altissima) aus der Familie der Bittereschengewächse (Simaroubaceae). Ursprünglich in China und im nördlichen Vietnam beheimatet, gelangte er Mitte des 18. Jahrhunderts nach Europa und Nordamerika, wo er als attraktiver, schnell wachsender Zierbaum mit reich verzweigter Krone kultiviert wurde. Auch pflanzte man ihn als Futterpflanze für den Götterbaumspinner (Samia cynthia), um aus dessen Kokons Seide zu gewinnen.

Der Götterbaum erreicht eine Höhe von zwanzig bis dreißig Metern und kann sechzig bis hundert Jahre alt werden. Er gilt als einer der am schnellsten wachsenden Bäume in Europa. Samenkeimlinge können im ersten Jahr schon ein bis zwei Meter hoch werden. Noch schneller ist das Wachstum bei Wurzelsprossen oder bei Stockausschlag infolge Beschädigung des Hauptstammes. Kein Wunder, dass er Baum des Himmels oder Götterbaum genannt wird.

Der relativ glatte Stamm weist oft ein rautenförmiges Muster auf. Die großen, bis neunzig Zentimeter langen, wechselständigen, unpaarig gefiederten Blätter bestehen aus bis zu dreißig lanzettlichen, ganzrandigen Teilblättern, an deren Basis zuckerabsondernde Drüsen sitzen. Im Juni/Juli erscheinen in Rispen angeordnete, unangenehm riechende, gelblich-grüne Blüten, weibliche und männliche, getrennt auf verschiedenen Bäumen. Honigbienen lieben wohl diesen Geruch, denn sie produzieren aus dem Nektar einen wohlschmeckenden Honig mit muskatellerartigem Aroma. Im August/September entwickeln sich bei den weiblichen Bäumen elliptische Flügelnüsse mit einem zentralen Samen, die mit dem Wind verbreitet werden.

Weiblicher (rechts) und männlicher Götterbaum. Aachen, Mies-van-der-Rohe-Straße.

Vor 1945 sah man selten wild wachsende Götterbäume. Nach dem zweiten Weltkrieg traten sie auf den Trümmerflächen vermehrt auf, daher der Spitzname Trümmerbaum. Als Stadtbäume wurden sie lange Zeit gerne angepflanzt, weil sie schnell wachsen, Schatten und Feuchtigkeit spenden, Feinstaub filtern und relativ resistent gegen Hitze, Trockenheit, Luftverunreinigung und Streusalz sind. Eigentlich ein idealer Straßenbaum in Zeiten des Klimawandels, sollte man meinen. Doch seine starke Wuchskraft, seine Vermehrung über Wurzelbrut, seine Anspruchslosigkeit an den Standort (Wachstum in Spalten, Ritzen, an Bahn- und Straßenrändern, auf Brachflächen) und die Klimaerwärmung haben dazu geführt, dass sich der Götterbaum weiter ausbreitet und heimische Pflanzen aus Magerrasen und in offenen Wäldern verdrängt. Infolgedessen hat die Europäische Union den Götterbaum 2019 auf die Liste invasiver gebietsfremder Arten gesetzt. Eine Neupflanzung als Stadtbaum fällt damit weg. In manchen Städten werden Strategien entwickelt, die Verbreitung einzudämmen: In Darmstadt werden wilde Jungpflanzen auf öffentlichen Flächen konsequent entfernt, und die Öffentlichkeit ist aufgerufen, auf Gewerbe- und privaten Flächen Sämlinge und Wurzelsprosse mitsamt aller Wurzeln im Restmüll zu entsorgen. Alte Bäume sollte man aber wegen ihres wichtigen Beitrags zum Stadtklima erhalten, vor allem die männlichen Exemplare.

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zuletzt bearbeitet am 1.X.2026