17. Sept: 2026
NATURBEOBACHTER AUS DER REGION
Sporenfernflug: Farne auf Reisen
Joachim Schmitz
Zuweilen tauchen Farne plötzlich weit entfernt von ihren ursprünglichen Vorkommen auf. Um dies zu verstehen, muss man kurz auf den Lebenszyklus von Farnen eingehen. Erwachsene Pflanzen erzeugen in speziellen Organen Sporen mit einfachem Chromosomensatz. Meist passiert das auf der Unterseite der Blätter, die dann bei der Sporenreife braun gemustert aussehen. Finden die Sporen einen geeigneten Boden, keimen sie zu einem unscheinbaren Vorkeim heran. Erst hier entstehen die Geschlechtszellen und kommt es zur geschlechtlichen Vereinigung. Die befruchtete Eizelle wächst dann zur neuen Farnpflanze heran.
Meistens werden die Sporen durch den Wind verbreitet. Deshalb sind sie sehr klein und leicht. Das reicht dann für einige Meter. Bei günstigen Wetterbedingungen können die Sporen aber auch viele Kilometer weit vertragen werden. Das nennt man dann Sporenfernflug.
Das vielleicht spektakulärste Beispiel ist der Geröll-Wurmfarn (Dryopteris oreades). Der einzige Fundort in Deutschland liegt bei Olpe. Das liegt Hunderte Kilometer weg von den natürlichen Vorkommen in Westeuropa.
Hirschzunge auf der Halde Wilsberg in KohlscheidEin Hot Spot im Aachener Raum ist der Lousberg. Jahrzehnte lang gab es in den unverfugten Stützmauern auf der Nordostseite den Ruprechtsfarn (Gymnocarpium robertianum). In den Alpen ist die Art auf Kalkschuttfluren weit verbreitet. In den Mittelgebirgen kommt die Art selten an Kalkfelsen vor. In der Eifel liegen die nächsten Fundorte an der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz. Irgendwann in den 1990er-Jahren ist die Mauer saniert und das Vorkommen dabei vernichtet worden.
Dafür gibt es neuerdings den Milzfarn (Asplenium ceterach) an einer anderen Stelle dieser Stützmauer. Auch hier handelt es sich wieder um eine Art von Felsspalten und Mauerfugen. Das Areal dieser wärmeliebenden Pflanze deckt sich etwa mit dem Weinbauklima. Der nächste Fundort von Aachen aus war bisher an der Burg Hengebach in Heimbach.
Auffällig ist die Verbreitungsdynamik der Hirschzunge (Asplenium scolopendrium). Das natürliche Habitat sind Schluchtwälder in nordexponierten Hängen oder tief eingeschnittenen Tälern. Die gibt es regelmäßig in Seitentälern von Rhein und Mosel, aber auch im Rurtal, z.B. bei Zerkall. In Aachen kam die Art in absonnigen Mauern vor, z.B. am Ostfriedhof und an der Heilig-Kreuz-Kirche. Diese Vorkommen haben die nächste Mauersanierung nicht überlebt. Neuerdings breitet sich die Hirschzunge immer weiter aus. An der erwähnten Stützmauer am Lousberg hat sich die Art etabliert. Im Wurmtal kommt die Hirschzunge inzwischen an der Wolfsfurth und bei Nivelstein vor. Ich habe die Pflanze sogar an einem so naturfernen Standort wie der Halde Wilsberg in Kohlscheid finden können.
zuletzt bearbeitet am 1.X.2026